„Situation der Beschäftigten in der Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen“
Auszug aus dem Stenografenprotokoll
Sehr geehrte Frau Präsidentin!
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Wir haben heute Morgen schon über das Thema Schulsozialarbeit und die Probleme gesprochen, die in diesem Bereich bestehen. Auch wenn wir wissen, dass beim Landesjugendhilfeausschuss das Problem des Personals ebenfalls bearbeitet wird, können eine erfolgreiche Analyse und daraus resultierende Handlungsempfehlungen nur durch das Vorhandensein einer Datenbasis erfolgen. Leider fehlt aber diese Datenbasis. Auf diesen Mangel wurde schon mehrmals bei den Stellungnahmen zum Sächsischen Kinder- und Jugendbericht hingewiesen. Bis heute hat sich aber − wie man an der Antwort der Staatsregierung sehen kann − hier leider nicht viel getan.
Das zeigt sich beispielsweise sehr schön bei der Beantwortung der Frage 24, in der wir fragten, welches Konzept denn die Staatsregierung zur Ermittlung des Personalausbildungs- und Qualifikationsbedarfs in der Kinder- und Jugendhilfe habe. Die Frage wird zwar beantwortet, aber nur im Bereich der Kitas. Es gibt in vielen Bereichen keine Statistik. Viele Träger in öffentlichen Stellen berichten uns aber, dass sie auf ihre ausgeschriebenen Stellen keine Bewerber bekommen. Nur durch eine Datenerhebung kann dieser Mangel auch mit Zahlen belegbar gemacht und können Lösungsansätze abgeleitet werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich nur um einen bestimmten Bereich der Jugendhilfe handelt oder den kompletten Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Die wenigen Daten, die das Ministerium erfasst, werden leider nur alle vier Jahre erhoben. Da sich die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen schnell verändern, braucht es einen kürzeren Zeitraum.
Auf den ersten Blick sind die Zahlen sehr erfreulich. Seit 2006 sind die Stellen in der Jugendhilfe deutlich gestiegen. Bei genauerem Hinsehen kann man aber feststellen, dass die Zahlen vor allem im Bereich der Kitas und in der Schulsozialarbeit gestiegen sind und ebenso auch im Bereich Drogen- und Suchtberatung sowie Pflegewesen. Das ist natürlich sehr zu begrüßen. Die Verlierer aber in diesem Bereich sind jene, welche die vorbeugende Arbeit leisten. In der Statistik der freien Jugendhilfe sind die Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe sowie die kleineren Träger die Verlierer. Dass aber gerade diese kleinen Verbände mit ihrer Arbeit einen sehr wichtigen Beitrag leisten, wird dabei anscheinend völlig außer Acht gelassen. An Vollzeitarbeitsverhältnissen gewann fast ausschließlich der öffentliche Bereich. Bei den freien Trägern sind es vor allem Teilzeitstellen und Honorarverträge, die dort vorrangig zu finden sind. Wegen mangelnder finanzieller Ausstattung werden Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse zur Ausnahme.
Schaut man sich die Landkreise und kreisfreien Städte an, kann festgestellt werden, dass in einigen Landkreisen und kreisfreien Städten mehr Personal in der freien Jugendhilfe tätig ist, jedoch bei einem Großteil, insbesondere im ländlichen Raum, das Personal abgebaut wurde. Besonders betroffen sind von der Kürzung die Bereiche der offenen Arbeit in der mobilen Jugendarbeit. Allgemein ist der ländliche Raum eher vom Abbau geprägt. Der ländliche Raum sollte aber gestärkt werden. Da sind wir uns, glaube ich, mittlerweile alle einig. Das haben alle Fraktionen verkündet.
Speziell bei der Förderung der freien Jugendarbeit und der mobilen Jugendarbeit muss angesetzt werden – gerade im ländlichen Raum -, da Kinder und Jugendliche in besonderem Maße von den Angeboten der Jugendarbeit aufgrund der Situation im ländlichen Raum leider ausgeschlossen sind. Aufgrund beispielsweise von immer weniger ÖPNV-Angeboten besteht meistens nicht die Möglichkeit, in die nächstgelegene Stadt zu kommen, um ein Jugendangebot wahrzunehmen oder den Jugendklub zu besuchen, wenn das nicht gerade die Eltern übernehmen. Wenn man sich die Zahlen noch genauer anschaut, kann man beispielsweise am Vogtlandkreis sehen, dass es zwar mehr Beschäftigte im Bereich Förderung von Familie, Partnerschaft, Trennung und Scheidung gibt. Im Bereich der Jugendarbeit hingegen ist das viel weniger. In genauen Zahlen heißt das: Es gab 59,4 % der sogenannten Vollzeitäquivalente im Bereich Förderung der Familie und Beratung Partnerschaft, Trennung, Scheidung etc. Im Bereich der Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes gab es jedoch 10,3 % weniger. Bei den sogenannten anderen Aufgaben gab es sogar 32,8 % weniger.
Die Staatsregierung weist in ihren Ausführungen auf eine gesundheitsfördernde Ausgestaltung der Rahmenbedingungen des Arbeitsplatzes hin. Es besteht aber keine Datenerhebung besonders im Bereich der Langzeiterkrankungen. In der Statistik der Krankenkassen werden beschäftigte Personen in der Kinder- und Jugendhilfe in unterschiedlichen Bereichen erfasst, sodass eine genaue Analyse mit den Daten gar nicht möglich ist. Zusätzlich sollte der hohe Anteil an psychischen Erkrankungen analysiert werden.
Im Bereich der Aus- und Weiterbildung ist in der einen Anhörung zum Thema soziale Berufe eindeutig festgestellt worden, dass es durchaus notwendig ist, die Studienplatzanzahl zu erhöhen. Auch die Absolventen in den Hochschulen, die im sozialen Bereich studiert haben, sind zumeist im sozialen Bereich geblieben. Aufgrund der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen sind zusätzliche Bereitstellungen auch im Bereich der Weiterbildung notwendig und wichtig. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in sozialen Berufen müssen auch die Möglichkeit bekommen, immer auch den aktuellen Stand der Anforderungen für ihre Tätigkeit in die Aktualität überführen zu können.
Jugendarbeit orientiert sich aber immer an der Lebenswelt der Jugendlichen. Deshalb ist es unabdingbar, das Wissen über die aktuelle Lebenswelt junger Menschen auf den neuesten Stand zu halten, beispielsweise was Suchtverhalten, Wohnsituation oder Freizeitverhalten anbetrifft. Öffentliche Räume werden heute beispielsweise völlig anders genutzt als vielleicht noch vor fünf oder zehn Jahren.
Nach den Angaben des Ministeriums sind mehr Interessenten für die Weiterbildung des Angebotes des Landesjugendamtes vorhanden, als Plätze zur Verfügung stehen. Leider haben sich auch die Veranstaltungstage von angebotener Weiterbildung an sich verringert. Aus diesem Grund ist der Ausbau der Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sehr wichtig. Zusätzlich wird mir immer wieder berichtet, dass kleine Träger das Problem haben, Weiterbildungsangebote überhaupt anzunehmen, da die Träger meist den Ausfall einer Person, die bei der Weiterbildung ist, nicht ausgleichen können, das heißt beispielsweise, wenn eine Sozialarbeiterin gerade zur Weiterbildung ist, muss der Jugendklub verkürzt öffnen oder sogar geschlossen bleiben. Hier muss eine Lösung gefunden werden.
Die weiteren Fortbildungen werden über die Förderrichtlinie überörtlicher Bedarf gedeckt. In diesem Bereich gibt es aber immer wieder große Probleme, sei es im letzten Jahr, als die Förderrichtlinie völlig überzeichnet war, sodass Weiterbildungsmaßnahmen nur noch zu 60 % gefördert werden konnten. Oder schauen wir in dieses Jahr – ganz aktuell -, als die Auszahlung erst in den letzten Wochen stattfand. Solch eine späte Auszahlung geht überhaupt nicht. Allgemein erfolgt sie aber in dem Bereich der Fördermittel im Kinder- und Jugendbereich und in der Familienförderung immer verspätet und stellt viele Träger, besonders die kleinen, vor große Probleme. Es bedarf einer stabilen Finanzierung und nicht eines weiteren Verdrängens in die Projektfinanzierung. Im Koalitionsvertrag steht die Forderung nach der Prüfung einer mehrjährigen Förderung. Die Legislatur ist aber fast vorbei und passiert ist nichts. In diesen sensiblen Bereich wären Verpflichtungsermächtigungen ein wichtiger Ansatz, um die Träger zu stabilisieren und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Perspektiven zu schaffen.
Viele glauben, dass im ländlichen Raum die offene Jugendarbeit nicht nötig wäre, da es verschiedene Vereine gibt, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Aber die Aufgabe der offenen Jugendarbeit ist viel mehr, als die Kinder und Jugendlichen einfach zu beschäftigen. Sie haben viel mehr damit zu tun, dass sie sich ihrer politischen Verantwortung klarwerden. So erhalten sie die Möglichkeit, mit eigenen Ausdrucksformen experimentieren zu können, neue Erfahrungen in das Bild von sich selbst zu integrieren und Anerkennung durch andere Menschen zu finden, um nur einige Aspekte zu nennen. Besonders wichtig ist, dass in Jugendklubs und offenen Jugendtreffs alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Herkunft oder wie es ihnen zu Hause wirtschaftlich geht, zugelassen werden.
Der Weg von der Kindheit in die Jugendzeit ist so für viele schon schwer genug. Neben der Suche nach Akzeptanz und Zugehörigkeit kommt noch ein zunehmender Leistungsdruck. Zusätzlich sind die Bedingungen nicht für alle jungen Menschen gleich. Sie werden von unterschiedlichen sozioökonomischen Lebenslagen beeinflusst. Durch die offene und mobile Jugendarbeit bekommen die jungen Menschen die dringend benötigten Freiräume und ihre Probierfelder, durch welche die eigene Persönlichkeit entfaltet werden kann. Damit werden alle jungen Menschen angesprochen, unabhängig von ihrer individuellen zur Verfügung stehenden sozialen oder ökonomischen Situation. Offene Jugendarbeit bestimmt nicht, sondern sie gestaltet gemeinschaftlich.
Es gibt immer wieder Kritik, Jugendklubs oder Begegnungszentren weiter zu finanzieren, obwohl die Anzahl der jungen Menschen abnimmt. Das liegt aber meistens nicht an dem Angebot vor Ort, sondern wie bereits erwähnt an dem Problem der Mobilität im ländlichen Raum. Aber auch fünf Jugendliche brauchen einen Ort, wo sie sich treffen können. Es müssen nicht in jedem Jugendklub-ganz— viele Jugendliche sein. Wenn kein Bus mehr vom Jugendklub nach Hause fährt, kann der Jugendklub eben nicht genutzt werden. Trotz immer geringer werdender Freizeit ist es aber so, dass junge Menschen und Kinder und Jugendliche gern den Teil ihrer wenigen Freizeit in einem Jugendklub oder in einer anderen Jugendeinrichtung verbringen. Die räumliche Nähe ist dabei aber ganz wichtig.
Offene Jugendtreffs können ihrer Aufgabe nur gerecht werden, wenn sie während eines großen Teils der freien Zeit der Zielgruppe täglich geöffnet haben und damit genutzt werden können. Gleichzeitig aber brauchen sie dafür ausreichend gut qualifiziertes Personal – alles eine Frage der Finanzierung.
Abschließend kann gesagt werden, dass neben der Datenerhebung die Bereitstellung der bedarfsdeckenden notwendigen Ressourcen zwingend erforderlich ist. Die Personalsituation in den Einrichtungen sowie die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte müssen besonders in der freien Jugendarbeit verbessert werden, um langfristig qualifiziertes Fachpersonal in den Arbeitsfeldern binden zu können und eine gute Bezahlung abzusichern. Gleichzeitig soll Arbeitsplatzsicherheit gewährleistet werden, um damit eine Planungssicherheit zu erzielen. Die Belastung durch Tätigkeiten über physische und psychische Grenzen hinaus und schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen näher analysiert und behoben werden.
Die Ausbildungs- und Nachqualifikationsangebote müssen erhöht werden, ohne dass die Qualifikationsstandards aufgeweicht werden. Zusätzlich bedarf es aber – das ist ganz wichtig – einer grundlegenden Bemühung um gesellschaftliche Anerkennung für das soziale Arbeitsfeld, mag es in der Jugendhilfe, mag es im sozialen Bereich sein, beispielsweise in der Pflege, um den Beruf in der Gesellschaft besser zu verankern, und das nicht nur für unsere jungen Leute, sondern für alle in der Gesellschaft.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei den LINKEN und des Abg. Sören Voigt, CDU)
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