„Infektionskrankheiten sind keine Bagatellen – Impflücken schließen!“

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Präsident,

werte Damen und Herren Abgeordnete!

„Infektionskrankheiten sind keine Bagatellen“ – da haben Sie mit dem Debatten-Titel voll ins Schwarze getroffen. Gerade wenn wir über Krankheiten wie Masern und die daraus resultierenden Folgeerkrankungen sprechen, wird uns das immer wieder bewusst.

Doch außer, dass wir heute darüber und zum Thema Impfen ein zweites Mal sprechen, passiert bedauerlicherweise nichts. Dabei stirbt statistisch gesehen weltweit fast alle fünf Minuten ein Mensch an einer Masernerkrankung – meist Kinder unter fünf Jahren.

Allein im Verlauf dieser Debatte werden also etwa zwölf Menschen gestorben sein, weil sie nicht geimpft waren.

Während weltweit Hilfsorganisationen unterwegs sind, um Kinder zu impfen, während weiter fleißig Masern-, Mumps- und Rötelparties gefeiert werden, leisten wir uns lange Debatten. Ich frage mich wirklich, was es noch zu besprechen gibt, meine Damen und Herren von der Koalition.

Selbst Ihr Bundesgesundheitsminister scheint zu erkennen, was den allermeisten Menschen in Sachsen längst klar ist: dass wir eine Impfpflicht mindestens gegen Masern brauchen.

Überzeugung ist besser als Zwang, keine Frage. Aber Überzeugung reicht offensichtlich nicht.

Anstatt erneut zu debattieren, wie oder ob wir die Impfbereitschaft erhöhen wollen oder nicht, wäre es sinnvoll gewesen, wenn Sie heute konkrete Maßnahmen zum Beschluss vorgelegt hätten.

Dass heutzutage 20-mal weniger Menschen an Masern erkranken als noch vor 50 Jahren, liegt allein an der seit Anfang der 70er Jahre verfügbaren Impfung.

Dennoch kommt es zu Erkrankungen, weil nicht alle Eltern ihre Kinder impfen lassen, obwohl diese impffähig sind. Welche schweren Folgen das für Kinder haben kann, die aufgrund ihres Alters noch nicht geimpft werden können, wurde jüngst anschaulich im Spiegel geschildert.

„Binnen wenigen Wochen wurde ein fröhliches Mädchen zum Pflegefall.“

Erkrankt ist dieses Mädchen an einer sklerosierenden Panenzephalitis, kurz SSPE, als Spätfolge einer Masernerkrankung im Alter von sechs Monaten, als es noch nicht geimpft werden konnte. Diese spätere Erkrankung verläuft in der Regel in vier Stadien. Das Mädchen, über das der Spiegel schreibt, ist mittlerweile 13 Jahre alt.

Und nein, es handelt sich zweifelsfrei nicht um einen Impfschaden, sondern um eine Erkrankung mit Wild-Masernerregern. Die wäre wohl nicht aufgetreten, wenn die Kinder in ihrem Umfeld sämtlich geimpft gewesen wären. In Sachsen sind laut der Antwort auf meine kleine Anfrage von 2006 bis 2015 drei Sterbefälle mit SSPE als Todesursache registriert.

Der eine oder andere mag sagen, nur drei. Für mich sind diese drei Sterbefälle drei zu viel. Sie hätten verhindert werden können, wenn mehr Menschen geimpft wären.

95 Prozent der Bevölkerung müssen über einen ausreichenden Impfschutz verfügen, damit Krankheiten sich nicht weiter verbreiten und auch diejenigen geschützt sind, die wegen ihres Alters oder eines geschwächten Immunsystems nicht geimpft werden dürfen.

In Sachsen sind wir zumindest bei den Kindern ziemlich nah dran an diesem Ziel. Der Schutz aller muss das Ziel sein, das zur Not mit einer Impfpflicht durchgesetzt werden muss.

Das sind Fakten, die jeder kennt und von denen gerade im Osten viele Menschen überzeugt sind. So sind in Ostdeutschland 86 Prozent für eine Impfpflicht vor allem für Krippen-, Kindergarten- und Schulkinder. Im Westen sind es 75 Prozent. Und das aus gutem Grund.

Warum aber passiert dennoch nichts?

Schon 2015 wurde der Berichtsantrag der hiesigen Regierungskoalition „Impfbereitschaft erhöhen“ beschlossen und auch in weiten Teilen umgesetzt. Die Impfbereitschaft hat sich aber nicht wirklich verbessert. Hätten wir stattdessen unseren Antrag „Impfquote im Freistaat Sachsen erhöhen“ beschlossen, wären wir schon ein paar Schritte weiter als der Bundesgesundheitsminister und könnten uns die heutige Debatte schenken.

Nicht umsonst hieß es 1964: „Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus.“

In den letzten 20 Jahren gab es in Deutschland mindestens 10.000 Maserninfektionen. Ob die Betroffenen auch später an SSPE erkranken, können wir nicht vorhersagen. Wir wissen aber mit Sicherheit, dass nur ein ausreichender Impfschutz das verhindern kann.

Wir werden also um eine Impfpflicht nicht herumkommen. Sie setzt voraus, dass die Patientinnen und Patienten bzw. die Eltern ausreichend aufgeklärt werden, auch über Nebenwirkungen.

Dafür müssen die Kinderärzte genug Zeit haben und eine Impfberatung ausreichend vergütet bekommen. Und die Impfstoffe müssen natürlich verfügbar sein. Nicht umsonst hatten wir bei den Haushaltsberatungen auch gefordert, den Öffentlichen Gesundheitsdienst wieder zu stärken.

Aber Masern ist nicht die einzige schwere Infektionskrankheit. Was ist beispielsweise mit Hepatitis, die zu Leberzirrhose, Organversagen, Dialyse oder im schlimmsten Fall tödlich verlaufen kann? Was ist mit Keuchhusten und Diphterie, wo die Impfquoten in Sachsen gerade bei Schulanfängern mit etwas über 40 Prozent nicht annähernd so gut aussehen, wie bei den Masern und die ebenfalls keine Bagatellen sind?

Die Ziele jeder Impfung sind die Verhütung von Krankheiten, Vermeidung von Komplikationen – jetzt sollte es auch für die Neoliberalen unter uns interessant werden – Reduktion von Krankheits- und volkswirtschaftlichen Kosten, und Solidarität.

Wir sollten uns nicht von der kleinen Gruppe der Impfgegner einschüchtern lassen, die teils militant und mit Drohgebärden vorgehen und für Argumente nicht zugänglich sind. Ihre Fake News lassen sich nur mit sachlicher individueller Beratung kontern.

Davon zu unterscheiden sind Impfskeptiker, die noch mit sich reden lassen.

Viele lassen sich sicher noch davon überzeugen, dass Obst und frische Luft nicht vor schweren Krankheiten schützen.

Wir brauchen Taten.

Impfungen bringen keine hundertprozentige Sicherheit vor Erkrankungen. Aber es ist hundertprozentig sicher, dass Menschen ohne ausreichenden Impfschutz stärker gefährdet sind als andere.

Auch als Mutter und Krankenschwester rufe ich dazu auf, dass wir alle uns unserer Verantwortung für unsere Mitmenschen bewusst werden und auf ausreichenden Impfschutz achten.

Es gab in Deutschland schon über hundert Jahre eine Impfpflicht, mit der Folge, dass die Pocken ausgerottet wurden.
Durch Impfen verschwand auch Polio, also Kinderlähmung. Die Liste ausgestorbener Krankheiten muss länger werden!

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