Brünler: IWH-Studie sagt nichts über Produktivität des Ostens!
Das Hallenser IWH sorgt mit einer Studie für Aufregung, die allen Bereichen der Wirtschaft im Osten eine deutlich geringere Produktivität attestiert als der westdeutschen. Das gelte auch beim Vergleich ähnlich großer mittelständischer Betriebe mit vergleichbarer Ausstattung. Dazu erklärt Nico Brünler, Sprecher der Linksfraktion für Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik:
Im Grunde behauptet die Studie, der Handwerker aus Görlitz arbeite schlechter als sein Kollege aus Passau, der Maschinenbauer aus Chemnitz schlechter als sein Kollege aus Stuttgart oder die Meissner Köchin könne immer noch nicht so gut kochen wie eine Gastronomin im Taunus. Diese mitschwingende Aussage ist frech gegenüber der Arbeitsleistung der Ostdeutschen. Sie lässt sich eigentlich gar nicht ableiten, wenn die Forscher ihre Untersuchung ernstnehmen.
Das IWH hat offenkundig gar nicht die Produktivität verglichen. Dazu hätte man die angewandten Produktionstechnologien vergleichen müssen. Man hätte die Produktionskosten einzelner Produkte gegenüberstellen und untersuchen müssen, ob bei ähnlichem Einsatz von Material, Energie und Personal im Osten grundsätzlich weniger produziert wird als im Westen. Das ist aber offenkundig nicht geschehen. Stattdessen wurden Umsatzhöhe und Löhne verglichen. Der Umsatz sagt jedoch nichts über die Produktivität eines Unternehmens aus. Er beschreibt den Erlös, der durch den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen erzielt wird. Allerdings können ostdeutsche Unternehmen für vergleichbare Leistungen auf dem Markt oft nur geringere Preise erzielen. Ein Friseur in einem Niedriglohngebiet kann von seinen Kunden für den gleichen Haarschnitt nicht so viel verlangen wie ein Friseur im reichen Stuttgart, auch wenn er gemessen an der Arbeitsleistung gar nicht schlechter oder weniger produktiv ist. Ein ostdeutscher Industriezulieferer bekommt oft nur dann den Zuschlag, wenn er nachweist, dass er die gleiche oder gar bessere Qualität für weniger Geld anbieten kann als der westdeutsche Mitbewerber.
An dieser Entwicklung hat die Wirtschaftspolitik der letzten 30 Jahre eine gehörige Mitschuld. In den 90er Jahren galt die Ost-Wirtschaft pauschal als marode, die Treuhand hat Betriebe verscherbelt oder plattgemacht. Bis heute wird versucht, Wettbewerbsvorteile durch niedrigere Löhne zu erlangen. Der Osten gilt als Billiglohnland und wird vielfach so behandelt. Das schlägt sich auch in den Umsatzstatistiken nieder. Insbesondere in Sachsen hielt die CDU lange an diesem Kurs fest. Im Bundesrat stimmte Sachsen sogar gegen den Mindestlohn.
Im Grunde sagt die Studie des IWH nichts über Leistungsfähigkeit oder Produktivität aus, sondern legt nur dar, was viele im Alltag spüren: Die Arbeitsleistung der Ostdeutschen wird im nationalen Vergleich oft weniger wertgeschätzt. Schade, dass die Forscher das nicht so deutlich benennen. Mit ihrer pauschalen Aussage, die ostdeutsche Wirtschaft sei weniger produktiv, stimmen sie in den Chor derer ein, die sagen: Die Ossis schaffen es einfach nicht.
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